Zypresse. Alles finden.


Schreibwettbewerb 1. Preis

 

Michael Baumann

Gewinn mit Langzeitwirkung


Drehen Sie mal 12 Wochen Däumchen! Im Fernseher nur Müll, das Beste sind noch die Nachmittag-Talk-Shows, wo sich schräge Typen die Seele aus dem Leib heulen. Da merkt man doch gleich, wie gut es einem geht. Obwohl das für mich eindeutig nicht gilt. Ich wurde immer ungeduldiger, auch wenn Tini regelmäßig vorbei kam. Klar war ich froh über diese Bude. Ein kleines Zimmer über einem Hinterhof in Gündlingen. Ideales Versteck.
Alles war schief gelaufen! Dabei hatte ich so gut geplant. Bin schließlich Vollprofi. Die Kamera hab ich trotzdem zu spät entdeckt. Bin ja kein unbeschriebenes Blatt, also hatten die auch gleich meinen Namen. Klaus Panke heiß ich.
Zugegeben, das war unprofessionell. Der stille Alarm, die überstürzte Flucht, nicht ein Scheinchen. Miserabel! 
Ein Glück, war ich erstmal sicher. Ich legte mich auf die faule Haut und glotzte in die Glotze. Jedenfalls die ersten 6 Wochen. Dann wurde ich launisch, konnte kaum noch stillsitzen. Kein Wunder, dass ich durchdrehte, als nach 12 Wochen die Glotze schlapp machte. Defektes Kabel! Hab ja schon erwähnt, dass in der Kiste nur Müll lief, aber ohne war es gar nicht auszuhalten.
Unrasiert, Baseballmütze, hoher Kragen, was konnte schon passieren! Ab in den nächsten Baumarkt, um ein neues Kabel zu besorgen. Klasse Gefühl! Mit jedem Schritt ließ die Beengtheit der letzten Wochen nach und als ich am Baumarkt ankam, fühlte ich mich frei und ehrbar wie ein Edelmann.
Es war „Tag der offenen Tür“ und flugs hatte ich eine Motorsägenvorführung verfolgt, eine heiße Wurst intus und ein Bier, das es an einer Werbebude umsonst gab. Die Stimmung war klasse. Ein kurzer Abstecher zur Baumaschinenaktion, schnell meine Fähigkeiten an der Wurfbude unter Beweis gestellt und anschließend noch ein gratis Bierchen gegen den Durst.
Erst jetzt wurde mir bewusst, was für ein Idiot ich doch war. Ich hatte mich 12 lange Wochen verkrochen. Dabei war es so einfach. Kein Polizist würde mich hier vermuten. Klar, werdet Ihr jetzt denken, weiß doch jeder. In der Masse ist man sicher.
Zur Feier dieser Erkenntnis genehmigte ich mir gleich noch ein Bierchen. Danach war ich nur noch halb so sauer auf mich und verzieh mir diese späte Einsicht.
Mir fiel ein, warum ich eigentlich hier war. Also beschloss ich, das Kabel zu besorgen und mir danach noch ein kleines Abschiedsbierchen zu genehmigen. Nachdem ich diese Reihenfolge kurzerhand geändert hatte, federte ich lockeren Schrittes dem Eingang entgegen.
Zwei nette Damen empfingen mich. Sie waren nicht hässlich, also wehrte ich mich nicht, als sie sich unterhakten und mich zu einem Stand mit Künstlerbedarf führten. Ein Herr in Karoanzug, Fliege und drei Tuben Gel in den Haaren trötete in ein Mikro: „Da ist er, meine Damen und Herren. Der 10-tausendste Besucher unseres beliebten Baumarktes!“
Das war der richtige Zeitpunkt, fluchtartig das Weite zu suchen. Warum ich´s nicht tat? Angestauter Frust, neu gewonnene Freiheit, die beiden Hübschen oder die leckeren Bierchen? Wer weiß?
Wie auch immer, es gab kein Entrinnen und ich suchte auch keines. Der gute Mann bombardierte mich regelrecht mit Fragen. Dann verkündete er den interessierten Zuschauern und mir stolz, dass ich nun der glückliche Gewinner einer kompletten Töpferheimwerkerausrüstung geworden sei. Ich amüsierte mich köstlich mit den beiden Damen und hörte sicher nur halbherzig hin. Genau so halbherzig dachte ich wohl nach, als er mich nach meinen Namen fragte und ich frei heraus antwortete: „Klaus Panke!“

Das war unklug, das gebe ich offen zu. Sofort ließ ich meinen Adlerblick über die Menge gleiten und wartete gespannt ob sich dieser Lapsus in den nächsten 30 Sekunden nachhaltig auf meine Zukunft auswirken würde. Nichts geschah.
Siehe da! Man glaubt gar nicht, was man sich alles leisten kann. Ein neues Hochgefühl erfasste mich. Ich nahm meinen Preis in Empfang und machte mich seelenruhig auf, endlich dieses völlig überflüssige Kabel zu besorgen.
Na ja, was soll ich lange erzählen. Nach 6 Minuten und 20 Sekunden war alles vorbei. Selbst einem gewieften Kerl wie mir war es unmöglich, einer Übermacht von sechs Zivilfahndern und drei Polizeistreifen zu entkommen.
Die Töpferausrüstung habe ich an Tinis Adresse liefern lassen. Brauch ich ja die nächsten 5 Jahre nicht. Soll sie die Teile eben zu Geld machen. Sie kann ja in der Zypresse annoncieren.

Hat sich natürlich hier drinnen schnell rumgesprochen. Dass man mich den „Töpfer-Klaus“ nennt, ist mir ziemlich egal. Doch an den komischen Humor des Gefängnisdirektors gewöhn ich mich nur schwer. Aber hier funktioniert wenigstens der Fernseher. Und einen geregelten Alltag gibt es hier auch. Das ist wichtig für die Moral, sagt unser Direktor. Jeden Morgen brav aufstehen und zur Arbeit gehen. Gut, die Wahl hat man nicht, die stecken einen dahin, wo´s passt. Möglichkeiten gibt’s genug. Buchbinderei, Schreinerei, Gärtnerei und noch einiges mehr. Deshalb versteh ich ja wirklich nicht, warum es gerade so kommen musste. Ach, wo ich arbeite?
Na in der Töpferei.