Zypresse. Alles finden.


Schreibwettbewerb 2. Preis

 

Alexander Grimm

Klavier und anderes zu verschenken

Der alte Plunder muss jetzt raus. Ihr ist klar geworden, dass die Zeit, einen Schlussstrich zu ziehen, überreif ist. Der abgewetzte Ohrensessel, das halbhohe, wacklige Tischchen, das sich kaum noch auf den Beinen halten kann, der marode Zeitungsständer und der altmodische Wandteppich, den sie eigentlich noch nie mochte – all das loszuwerden, kommt einer Befreiung gleich. In dieser Ecke des Wohnzimmers hat sich seit Jahren nichts verändert, außer dass die Stoffe zu einem einheitlichen bräunlichen Hellgrau verblichen sind. Die Möbel stehen wie angewachsen vor dem Wandteppich; man sieht ihnen an, dass sie gemeinsam alt geworden sind.
„Hier riecht es nach Verfall“, sagt sie regelmäßig. Doch noch heute wird endlich Platz geschaffen für Neues. Am Morgen hat sich bereits ein Interessent gemeldet und zugesagt, alles mitzunehmen.

Die nahe liegende Möglichkeit, alles als Sperrmüll entsorgen zu lassen, kam nicht in Frage, denn sie muss sich eingestehen, trotz allem eine gewisse Zuneigung zu empfinden. Deshalb hat sie sich entschieden, die Gegenstände mittels einer Annonce zur kostenfreien Abgabe anzubieten. (Geld dafür zu verlangen, käme dem Gipfel der Unverfrorenheit gleich.) Sie hat allerdings lange gezögert, denn selbst Verschenken erschien ihr ziemlich peinlich. Zudem war sie sicher, dass sich niemand für dermaßen alten Ramsch würde erwärmen können. Ihr Nachbar brachte sie dann auf die Idee, dessen gebrauchtes Klavier mit anzubieten, als Lockmittel sozusagen. Das Instrument, das seit dem Tod seiner Frau ungenutzt in der Diele steht und nur noch ein trauriges Bild bietet, ist zwar nicht mehr neuwertig aber durchaus intakt. Außerdem schlage man damit mehrere Fliegen mit einer Klappe, meinte der Nachbar und stiftete das Klavier als eine Art Freundschaftsdienst. Die beiden stehen seit kurzem nämlich in einem Verhältnis, das über ein herkömmliches gutes nachbarliches Einvernehmen deutlich hinausgeht.

Sie sieht auf die Uhr, der Interessent müsste jeden Augenblick vor der Tür stehen. Sie blickt noch ein letztes Mal zum Ohrensessel. Und ein letztes Mal zu ihm – ihrem Mann. Dort sitzt er, wie gewöhnlich. Er hat sich die letzten Jahre komplett zurückgezogen in sein geliebtes Phlegma. Er hat abgeschlossen mit der Außenwelt, er wollte, wie er stets betonte, einfach seine Ruhe und hat sich im Lauf der Zeit nahtlos eingefügt in die Ecke mit dem Sessel, dem Tischchen, dem Zeitungsständer und dem Wandteppich, sodass es unmöglich geworden ist, ihn überhaupt wahrnehmen zu können.
Egal wohin er kommt, er wird es gut haben, denn er hat den Zustand erreicht, den er sich immer gewünscht hat und der ihn vor jeglicher Bedrohung seiner Trägheit schützt. Zudem wird er niemandem zur Last fallen, schließlich ist er gar nicht mehr präsent. Manchmal saß sie stundenlang mit Freundinnen im selben Raum und keiner von ihnen war er aufgefallen („Wo ist eigentlich dein Walter?“). Er hebt sich nicht mehr ab vom Wandteppich, dessen eintöniges Muster er so liebt. Nur sie ist noch in der Lage, ihn zumindest schemenhaft zu erkennen. Wenn sie konzentriert auf jene Stelle starrt, kann sie ein ganz leichtes Vibrieren wahrnehmen, ein Anzeichen von Atmung.
Im Moment fällt es ihr jedoch schwerer als sonst, eine Art Bewegung aufzuspüren. Sie wird ein wenig nervös, sollte er nun tatsächlich …? Aber wo läge der Unterschied zu sonst? Sie schreckt kurz auf, als es klingelt. Dann rennt sie erleichtert zur Tür – der Interessent!