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Schreibwettbewerb 3. Preis

 

Annette Aly

Die Melodie des Schweigens

„Können Sie schweigen?“, fragte der Anrufer unvermittelt, ohne dass er seinen Namen oder sonst eine Information preisgegeben hatte. Ein knappes „Ja“ und sie hatten den Treffpunkt ausgemacht. 20 Uhr, Parkplatz Freiburg-Süd beim Eugen-Keidel-Bad. „Bei den Blumen!“ Dass dort auch die Prostituierten ihre Dienste anboten, wussten sie beide.

Schweigen. Er konnte nicht nur schweigen, er wollte schweigen. Mehrmals hatte er es mit Reden versucht. Es endete zu oft und für ihn unverständlich mit Tränen.
Stundenlange Autofahrten, frei von unerwarteter Begegnung und zwischenmenschlicher Anforderung, Ruhe. So war er zu der Geschäftsidee gekommen. Es war sein erster Auftrag.

Den Volvo V 70 hatte er gebraucht gekauft, luxuriöse Innenausstattung in Hirschleder, eine letzte Reminiszenz an verlorene Träume. Den Motor des anthrazitfarbenen Wagens ließ er laufen, warme Luft aus dem Gebläse streifte sein Kinn. Dennoch fröstelte er leicht an diesem Septemberabend. Er hatte nicht damit gerechnet, dass der Fahrgast mit dem Fahrrad kommen würde und erschrak, als dieser plötzlich aus dem Dunkel auftauchte, die Türe auf der Beifahrerseite öffnete, sich grußlos setzte und den blauen Deutter-Rucksack im Fußraum verstaute.
“Marseille, ans Meer, morgen zur selben Zeit sind wir zurück“, sagte der Fahrgast und sah zum Seitenfenster hinaus. Bis Belfort fiel kein weiteres Wort.
“Stört es Sie, wenn ich rauche?“ „Ja“, antwortete der Fahrgast, „aber machen Sie es von mir aus.“ Er zögerte, merkte, wie die Nervosität zuckend seine Beine hoch kroch und zündete sich kurz hinter Dôle doch eine Zigarette an und öffnete das Seitenfenster mit dem elektrischen Fensterheber ein paar Zentimeter. Nur das Rauschen nächtlicher Autobahn war zu hören, unterbrochen vom auf- und abschwellenden schweren Motorengeräusch der Laster, an denen der Volvo sicher und souverän vorbeizog.
Er beobachtete den Fahrgast von der Seite unauffällig. Er wirkte in keinster Weise beunruhigend. Ein sportlich gekleideter Mann in mittleren Jahren, ab und zu griff er in den Rucksack, aß einen Apfel oder einen Müsliriegel, wischte sich die Hände an einem Taschentuch ab und verstaute die Reste wieder im Rucksack. Ein vernünftiger Mensch mit guten Manieren.
“Sie müssen sich vor Lyon immer Richtung Flughafen halten, die Ostumfahrung.“ “Ich fliege nicht gerne“, war alles, was er dazu zu sagen wusste. Das Atomkraftwerk bei Montelimar tauchte schemenhaft im Dunkeln auf und verschwand.
Oleanderbüsche mit nachtschwarzen Blüten säumten die Straße, sie rochen Rosmarin und das Nahen des Meeres. Sie atmeten gleichmäßig und die Stille lag wie ein Einverständnis zwischen ihnen. Hinter Marseille bogen sie auf einen schmalen Schotterweg ein. Das Licht des Volvos flackerte über dornige Büsche, rissige Felsen und groben Kies.
“Sie bleiben hier, bis ich wiederkomme!“ Der Fahrgast schlug seinen Kragen hoch, verließ ohne Rucksack den Wagen und verschwand zielstrebig im Gebüsch.
Viele Zigaretten später stieg auch er aus, vertrat sich die schmerzenden Beine und setzte sich auf die knorrige Wurzel eines Olivenbaumes. An den rauen Stamm gelehnt lauschte er in die Nacht. Milchiges Licht lag vor dem Mond, so dass er die Umrisse der felsigen Steilküste mehr ahnte, denn sah. Das Meer tief unten, salziges Grollen der Brandung. Im Zikadengezirpe gesäumt vom Rascheln trockener Blätter, meinte er eine Melodie zu hören. Leise, hohe Töne, zaghaft zu einer wehmütigen Weise verbunden. Von Fern drang es an sein Ohr, bekannt und doch seltsam erinnerungslos. Ein Lied aus Kindertagen? Er drückte sich fest mit zwei Fingern auf die Nasenwurzel und stand schnell auf, um das aufkeimende Gefühl zu verjagen.
 
Im Morgengrauen kehrte der Fahrgast zurück. Er wagte nicht ihn anzusehen, spürte er ihn doch unangenehm nah und erstarrt auf dem Sitz neben sich.  “Ich habe sie hier verloren, heute, vor vielen Jahren, wenn der Mond scheint, höre ich sie manchmal singen.“ Der Fahrgast putze sich ausgiebig die Nase. “Das tut mir leid, ich bin nicht verheiratet“, sagte er hilflos und bemerkte gleichzeitig, wie unpassend der Satz war. “Es braucht Ihnen nicht leid tun, ihre Stimme hätte Ihnen gefallen.“
Wortlos fuhren sie zur Autobahn zurück. Das Offizium von Jan Gabarek begleitete sie und füllte den Raum des Unausgesprochenen komfortabel und erträglich. Die Rückfahrt war anstrengend und er sehnte sich danach, den Mann neben sich loszuwerden. Als sie endlich auf dem Parkplatz Freiburg-Süd hielten, öffnete der Fahrgast die Seitentasche des Rucksacks, gab ihm die vereinbarten 1000 € in bar und sah ihm für einen kurzen Moment in die Augen. Sein Blick war freundlich und leer.
“Haben Sie jemals einer Frau gesagt, dass Sie sie lieben?“ fragte er ohne sichtliche Regung. “Nein, niemals“, antwortete er.
“Danke“. Der Gast öffnete die Wagentür und stieg aus.
“Holen Sie mich das nächste Jahr wieder ab, selber Ort, selbe Zeit, bitte?“ Ohne Gruß schloss er die Tür des Volvos und ging aufrecht zu seinem Rad.