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Hilft selbstgenähter Mundschutz?

In Akkordarbeit nähen Freiwillige auch bei uns gerade Schutzmasken aus Baumwolle, Küchenrolle oder anderen Materialien zusammen

Bei uns in Südbaden ist die Hilfsbereitschaft vieler Menschen angesichts der aktuellen Coronakrise gewaltig. Fremde gehen füreinander Einkaufen, viele suchen nach Möglichkeiten den Geschäften und Restaurants in Not zu helfen - und auch der Respekt vor der aufopferungsvollen Arbeit der Ärzte, Pfleger und Krankenschwestern ist in der Region so groß wie selten zuvor.

Weil speziell das medizinische Personal dringend auf Atemschutzmasken und andere Schutzausrüstung angewiesen ist, diese momentan aber nur schwer zu bekommen ist, haben sich an vielen Orten die Helfer etwas einfallen lassen.

So werden jetzt im Markgräflerland oder auch in der Ortenau ehrenamtlich Schutzmasken in Eigenregie gebastelt und genäht - teilweise mehrere hundert Stück am Tag. Für einen Mundschutz braucht es dabei gar nicht viele Materialien. Für den Bau reichen ein biegsamer Draht, kochfeste Baumwolle, ein Bügeleisen und Nadel und Faden, beziehungsweise eine Nähmaschine. Eine Anleitung hat unter anderem die Stadt Essen ins Netz gestellt (PDF).

👉 (https://media.essen.de/media/wwwessende/aemter/0115_1/pressereferat/Mund-Nasen-Schutz__Naehanleitung_2020_Feuerwehr_Essen.pdf)

Grundsätzlich gilt: Nur Atemschutzmasken mit dem FFP2- oder FFP3-Standard sind nach Einschätzung der Weltgesundheitsorganisation WHO dazu in der Lage, den Träger überhaupt vor einer Ansteckung mit Krankheitserregern zu schützen.

Wissenschaftliche Nachweise über die Wirksamkeit im medizinischen Bereich gibt es dabei nur bei den FFP3-Masken, die komplett luftdicht am Gesicht anliegen und mit Filtern oder Ventilen die Luftströme beim Ein- und Ausatmen lenken können. Den FFP2-Masken wird zumindest eine infektionshemmende Wirkung nachgesagt, auch wenn die angeführten Belege dafür umstritten sind.

Trotzdem suchen die Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen in Südbaden deshalb aktuell verstärkt nach solchen zertifizierten Schutzmaterialien und nicht nach Selbstgebastelten. In diesen Arbeitsbereichen geht es nämlich auch darum, dass sich die Klinikmitarbeiter nicht selbst anstecken, wenn die Mitarbeiter regelmäßig mit Infizierten oder Risikopatienten in Kontakt kommen.

Auch bei den Spendenaufrufen, wie sie zuletzt die BDH-Kliniken in Waldkirch und Elzach gestartet hatten, wird deshalb entsprechender Profi-Atemschutz gesucht - möglichst mit CE-Prüfsiegel und originalverpackt.

Das Robert-Koch-Institut sieht in allen anderen Masken ein zweischneidiges Schwert mit Vor- und Nachteilen. Und das betrifft insbesondere auch die Selbstgemachten. Der übliche Mund-Nasen-Schutz, wie man ihn von Chirurgen bei Operationen kennt, funktioniert nämlich genau umgekehrt:

Er schützt den Träger nicht vor Keimen in der Luft, sondern soll verhindern, dass beim Ausatmen, Sprechen, Niesen oder Husten kleine Tröpfchen aus Speichel oder Rachensekreten andere Menschen anstecken.

In Zeiten des Coronavirus heißt das: Wer krank ist und andere schützen will, kann gerne darauf zurückgreifen. Besonders wichtig ist das für jeden, der im Alltag Kontakt zu Risikogruppen wie älteren oder immungeschwächten Menschen hat.

Wirklichen Sinn ergeben solche einfachen Atemschutzmasken aber erst in der Masse: Virologe Christian Drosten von der Berliner Charité geht davon aus, dass sich erst dann eine Ansteckungsgefahr im direkten Nahbereich ein Stück weit verringern ließe, wenn im Alltag jeder so eine Maske trägt - und zwar dauerhaft und sie auch regelmäßig erneuert:

Denn das große Problem ist, dass die einfachen Schutzmasken aus Papier und Stoff von der Luftfeuchtigkeit beim Atmen schon nach schneller Zeit nass werden. Spätestens dadurch verlieren sie ihre physische Barrierefunktion, Keime können dann leichter eindringen oder nach außen gelangen. Meist passiert das schon innerhalb von 20 Minuten.

Streng genommen sind sie damit für die Arbeit in Kliniken, Abstrichzentren, Arztpraxen, Pflegeheimen und ähnlichen Einsatzgebieten nicht geeignet. Dass in anderen Bundesländern erste Krankenhäuser überlegen, trotzdem auf selbstgebastelte Schutzausrüstung zurückzugreifen, verdeutlicht zwar die Notlage. In Südbaden ist das momentan aber nicht der Regelfall.

Ein Vorteil aller Mundschutz-Arten ist, dass man damit nicht mehr so leicht mit den Fingern in Kontakt mit Schleimhäuten wie Mund oder Nase kommt - auch nicht beim unbewussten Griff ins Gesicht. So sinkt die Gefahr von Schmierinfektionen.

Allerdings warnen Gesundheitsexperten davon, dass genau dadurch auch das genaue Gegenteil erreicht werden könnte: Das Tragen einer Atemschutzmaske darf keine falsche Sicherheit erzeugen und nicht dazu verleiten, andere Hygienemaßnahmen wie Abstand halten, das Husten und Niesen in die Armbeuge und vor allem das regelmäßige, gründliche Händewaschen zu vernachlässigen. In Kooperation mit badenfm (fw).